Rio de Janeiro / Curto Café

Mitten im geschäftigen Zentrum von Rio, zwischen Regierungsgebäuden, Büros, und touristischen Sehenswürdigkeiten, im Dreieck Igreja de Nossa Senhora da Candelaria, dem Museu Hisotrico Nacional und dem Park Campo de Santana, in einer vesteckten Etage zwischen Busbahnhof, Ladenzeile und Parkhaus, liegt das Curto Café. Wenn man mit der Rolltreppe durch das in die Jahre gekommene Shoppingzentrum fährt, mag man seinen Augen kaum trauen, in der sonst nur halbvermieteten und trist wirkenden Etage, in der man sich in kleinen kabinenartigen Läden die Nägel lackieren oder das Smartphone reparieren lassen kann, fährt man direkt in eine sich angeregt unterhaltende Menschenmenge. Eine bunte Mischung von Büroangestellten, Arbeiter, Ladenbesitzer, Politiker und Studenten treffen sich hier, um den besten Kaffee der Stadt zu trinken. Das Curto Café ist laut Tripadvisor mit 462 Bewertungen und 5 vollen Punkten, die Nr. 1 im Ranking aller Kaffeehäuser und die Nr. 2 aller gastronomischen Lokale in Rio de Janeiro.

Das ist umso erstaunlicher als im Café Curto einige Dinge anders laufen als in anderen Cafés. Zum einen wird hier nicht direkt mit Geld gezahlt, sondern mit gelben unbedruckten Plastik Chips, die man sich am Tisch nebenan nehmen kann. Es steht einem frei für die Chips Geld in den unbewachten Korb zu tun. Man bezahlt nur wieviel man für richtig halt, wieviel man geben kann, oder, vielleicht bezahlt auch so mancher gar nichts, kontrollieren tut es hier keiner. Auf zwei grossen Tafeln hinter der Espressomaschine stehen die Kosten des Ladens, das Material, Kaffee, Milch, die Miete, wieviel die Teammitglieder für ihren persönlichen Unterhalt brauchen, und wieviel und was man für die Weiterentwicklung investieren möchte. Der Kunde kann auch den Gesamtumsatz auf den Tafeln wiederfinden und somit sehen, wie sein Verhalten den Gewinn von Curto beeinflusst. Im Café Curto wird nicht nur direktgehandelter, bester brasilianischer Spezialitätenkaffee serviert, der für das Curto geröstet wird, es werden auch nur beste einheimische frische Zutaten verwendet und jedes Getränk ist mit gekonnter Latteart verziert. Jeder kann sich hier also im Prinzip das beste, was Brasilien an Kaffee zu bieten hat, leisten. Romulo Martinez, ein junger Mann, mit weichem offenen Gesicht und Bart, erzählt mit eindringlicher Stimme wie er zum Barista im Café Curto wurde. Er war Unternehmer und hatte mehrere kleine erfolgreiche Firmen, trotzdem geriet er in eine tiefe Krise. Überarbeitung, menschliche Enttäuschungen und eine gescheiterte Beziehung liessen ihn an seinem bisherigen Leben zweifeln. Erst wollte er nur für 2 Wochen aushelfen, nun macht er schon seit über 2 Jahren Kaffee im Curto und schwärmt vor allem von seinen Kunden. Er habe durch sie und ihre Freude an seine Arbeit, nichts weniger als den Glauben an die Menschheit wiedergefunden. Er erzählt das mit einer leidenschaftlichen Intensität, während er einem tief in die Augen blickt, sich vergewissernd, ob man die Wichtigkeit seiner Aussage auch wirklich verstanden hat. Er gibt zwar zu, dass er deutlich weniger verdient als davor, doch die Lebensqualität und die Sinnhaftigkeit, die er erlebt sind es ihm wert. Das Team um Café Curto ist kein Kollektiv mit fester Teamstruktur, Ideologie oder politischer Agenda, sondern Freunde, die ein soziales Experiment aus der Situation heraus entwickelt haben, um es immer wieder zu verändern und zu verbessern.

So erzählt Sharlie, der fröhliche Barista, der gerade aus Berlin zurück gekommen ist, wo er für ein paar Monate in verschiedenen Specialty Coffeeshops gearbeitet hat, dass es jedes Mal anders aussieht, wenn er von seinen Reisen zurück kommt. Die Theke steht am anderen Ende des Raumes, die Tische sind verrückt, der Text an der Wand ist verändert.

Das Team Curto zelebriert mit ihren Kunden, und das werden sie auch nicht müde immer wieder zu betonen, ein Gefühl von menschlicher Nähe und Respekt, egal von woher man kommt, oder was für eine gesellschaftliche Rolle man hat, man trifft sich hier als Mensch. Romulo, Sharlie und Gabriel sprechen von Freundschaft. Wir sind hier alle Freunde, und sie haben viele Freunde, denn das Café Curto macht über 1000 Kaffees am Tag.

Das ist immens, dafür dass es in einer versteckten Etage mit keinem direkten Eingang liegt und es noch nicht einmal ein Café im klassichen Sinne ist, es gibt so gut wie keine Sitzplätze, kein schickes hippes Innendesign, keine Musik, oder andere Merkmale eines populären Specialty Coffeeshops, der Raum erinnert an eine Büroetage und die meisten Gäste stehen.

Wenn man den pinkgepflasterten Ausgang über das Parkhaus nimmt, kommt man an der Candelária-Kirche vorbei. Die Messe ist gut besucht. Ein Sammelsurium an Einheimischen und Touristen, jung und alt, halten für einen Moment auf ihrem Weg durch den Tag inne. Sie verneigen sich vor diesem all vereinenden, und beten gemeinsam zu dem Gesang des Priesters während draussen der Verkehr und das Leben Rio de Janeiros tobt.

Curto Café

R, Sao José, 35

Centro, Rio de Janeiro

Brasilien

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